Vier typische Aufstellungen
Nicht jede Aufstellung dient der persönlichen Klärung. Die Drehbuchaufstellung ist ein kreatives Werkzeug der Stoffentwicklung: Autorinnen und Autoren, Regie und Produktion stellen die Figuren, Kräfte und Wendepunkte einer Geschichte in den Raum, um deren Dramaturgie sichtbar zu machen. Über die repräsentative Wahrnehmung der Stellvertretenden entstehen Hinweise, wo ein Stoff trägt und wo er noch nicht. Die Methode stammt aus den Systemischen Strukturaufstellungen (SySt), die in München entwickelt wurden, und wird für Drehbücher, Exposés und Treatments in jeder Phase der Entwicklung eingesetzt.
Ein entscheidender Unterschied zur Familienaufstellung: Hier geht es nicht darum, einen Konflikt zu lösen, sondern ihn zu schärfen. Eine gute Geschichte lebt von Spannung — deshalb dürfen die üblichen ordnenden Prinzipien bewusst außer Kraft gesetzt werden, um die Dramatik zu verstärken. Die folgenden vier Beispiele sind vereinfacht und frei erfunden; die Sprechblasen geben typische Impulse wieder. Alle Bilder sind mit dem kostenlosen Parafeld™-Systembrett erstellt und lassen sich per Klick selbst nachstellen.
Nicht zu verwechseln: Drehbuchaufstellung und Psychodrama
Weil in beiden Formaten Menschen stellvertretend für etwas anderes im Raum stehen, werden Aufstellung und Psychodrama oft verwechselt. Der Unterschied ist jedoch grundlegend.
Im Psychodrama (nach Jacob Levy Moreno) wird gespielt. Die Beteiligten übernehmen Rollen mit vorgegebenem Inhalt und Text, handeln Szenen aktiv aus und suchen im Spiel nach Ausdruck und Katharsis. Die Hauptperson agiert selbst mit.
In der Aufstellung — auch der Drehbuchaufstellung — wird nicht gespielt. Die Stellvertreterinnen und Stellvertreter bekommen keine Rolle, keinen Text und keine Vorgeschichte. Sie stellen sich lediglich an ihren Platz und berichten, was sie dort körperlich wahrnehmen: die sogenannte repräsentative Wahrnehmung. Aus dieser Resonanz und den räumlichen Beziehungen entstehen die Hinweise. Die Autorin oder der Autor beobachtet meist von außen.
Kurz gesagt: Das Psychodrama arbeitet mit Handlung und Darstellung, die Aufstellung mit Wahrnehmung und Position. Gerade beim Drehbuch liegt die Verwechslung nahe — ein Text mit Figuren verführt zum Nachspielen. Die Drehbuchaufstellung tut genau das nicht: Sie lässt die Figuren nicht agieren, sondern wirken.
1. Der Gegenspieler ist zu schwach
Dramaturgische Frage: Woran soll die Heldin wachsen?
Eine Heldin ist nur so stark wie ihr Widerstand. Wirkt der Gegenspieler blass, verliert die ganze Geschichte an Spannung. In der Aufstellung zeigt sich das sofort — und lässt sich gezielt verschärfen.

Ausgangsbild
Die Heldin strebt zum Ziel, doch der Gegenspieler steht teilnahmslos am Rand. Die Stellvertretenden spüren: Hier fehlt Reibung — die Szene läuft ins Leere.

Dramaturgischer Eingriff
Die Autorin holt den Gegenspieler heran und gibt ihm ein eigenes, starkes Motiv (Pfeil). Bewusst wird die Spannung erhöht statt geglättet: Er will dasselbe wie die Heldin.

Verdichtetes Bild
Held und Gegenspieler stehen sich auf Augenhöhe gegenüber, das Ziel genau zwischen ihnen. Aus einem flachen Wunsch ist ein echter Konflikt geworden — die dramatische Achse der Geschichte.
2. Die Nebenfigur läuft der Hauptfigur den Rang ab
Dramaturgische Frage: Wessen Geschichte erzählen wir eigentlich?
Manchmal zieht eine Nebenfigur alle Aufmerksamkeit auf sich, während die eigentliche Hauptfigur blass bleibt. Die Aufstellung macht spürbar, wo die Energie der Geschichte wirklich liegt.

Ausgangsbild
Der geplante Protagonist steht am Rand, die Nebenfigur zieht die Blicke auf sich. Die Stellvertretenden bestätigen: Bei ihr ist das Leben. Ein Warnsignal — oder eine Chance.

Dramaturgischer Eingriff
Statt gegen die Resonanz zu schreiben, folgt die Autorin ihr: Die Nebenfigur bekommt Raum, der bisherige Protagonist tritt einen Schritt zurück (Pfeil).

Verdichtetes Bild
Die Erzählperspektive hat sich verschoben. Die Geschichte hat ihre wahre Hauptfigur gefunden — und die frühere Hauptfigur wird zur wertvollen Nebenrolle.
3. Der Figur fehlt ein Geheimnis
Dramaturgische Frage: Was treibt die Figur heimlich an?
Eine Figur, die genau das tut, was man erwartet, bleibt flach. Oft fehlt ein verborgenes Motiv — ein Geheimnis, das ihr Handeln doppelbödig macht. In der Aufstellung lässt es sich sichtbar machen und anbinden.

Ausgangsbild
Die Figur funktioniert glatt und vorhersehbar auf ihr Ziel zu. Abseits, von niemandem gesehen, liegt ein verschwiegenes Motiv. Die Stellvertreterin spürt: Da ist noch etwas, worüber nicht gesprochen wird.

Dramaturgischer Eingriff
Das Verschwiegene wird ins Spiel geholt und mit der Figur verbunden (Pfeil). Sie muss es nicht aussprechen — es genügt, dass es wirkt.

Verdichtetes Bild
Das Geheimnis begleitet die Figur nun bei jedem Schritt. Ihr Verhalten bekommt einen doppelten Boden — der Stoff gewinnt an Tiefe und Subtext.
4. Zwei Handlungsstränge finden nicht zueinander
Dramaturgische Frage: Wie greifen A- und B-Geschichte ineinander?
Ein zweiter Handlungsstrang bereichert eine Geschichte nur, wenn er den ersten berührt. Laufen A- und B-Geschichte beziehungslos nebeneinanderher, zerfällt der Film. Die Aufstellung zeigt, wo sie sich kreuzen könnten.

Ausgangsbild
Zwei Handlungsstränge laufen nebeneinanderher, ohne sich zu berühren. Die Stellvertretenden beider Seiten spüren nichts voneinander — die Geschichte zerfällt in zwei Hälften.

Dramaturgischer Eingriff
Eine Figur wird gefunden, die in beide Stränge gehört, und zwischen sie gestellt (Pfeil). Über sie bekommen A- und B-Geschichte plötzlich miteinander zu tun.

Verdichtetes Bild
Die Stränge kreuzen sich in einer Figur. Aus zwei parallelen Linien ist ein Knoten geworden — ein möglicher Wendepunkt, an dem die Geschichte kippt.
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